Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie

Studienreise nach Israel 2020

Im Februar 2020 fuhren Prof. Dr. Ulrike Suhr und ich mit einer Gruppe Studierender auf eine achttägige Studienreise nach Israel. Bereits zum wiederholten Mal organsierte Ulrike Suhr dieses Angebot für Studierende unserer Hochschule. In diesem Jahr setzte sich die Gruppe aus 21 Studierenden aller Bachelor- und Masterstudiengänge (Vollzeit und Teilzeit) zusammen. Die Erlebnisse und Erfahrungen während dieser Reise wirken in uns allen fort. Wir wohnten fußläufig zur Jerusalemer Altstadt im Post Hostel, einem ehemaligen Postgebäude in unmittelbarer Nähe der bunten und geschäftigen Jaffa Road. Von hier aus sind uns jeden Tag Geschichte und Gegenwart, altes und neues Jerusalem sehr nahe gekommen.

Da waren zunächst die unzähligen historischen Orte, die uns in ihren Bann zogen: Wir wanderten durch das Kidron Tal und bestiegen den Ölberg, blickten von dort auf Jerusalem und hörten die Stadt: die islamischen Gebetsrufe und die christlichen Kirchenglocken ertönten gemeinsam und schufen da oben in der Stille des jüdischen Friedhofs eine außergewöhnliche Atmosphäre. Wir besuchten die Kirche Dominus Flevit, den Garten Gethsemane und die Kirche aller Nationen.

Blick vom Ölberg auf Jerusalem

 

Auf dem Weg zurück in die Altstadt schauten wir auf die archäologischen Ausgrabungen der David Stadt, erkundeten das jüdische Viertel, beobachteten das Geschehen an der Klagemauer, konnten in der wiedererrichteten, 2010 neu eingeweihten Hurva Synagoge Einblicke nehmen in die Welt der betenden und diskutierenden jüdischen Männer. Uns beeindruckte der Cardo, die teilweise freigelegte ehemalige Hauptstraße, die uns in das römisch-byzantinische Zeitalter zurückversetzte. Wir erkundeten das christliche Viertel, blieben staunend vor dem reich geschmückten Weihnachtsbaum stehen – mitten im Februar, verloren uns im Gewühl der unterschiedlichen christlichen Glaubensrichtungen in der Grabeskirche, wanderten entlang der 14 Stationen der Via Dolorosa, dem Leidensweg Jesu, und sangen in der St-Anna Kirche neben der Teichanlage Bethesda. Diese befindet sich allerdings im muslimischen Viertel der Altstadt. Auch durch sein Labyrinth der Gassen zogen wir, schlängelten uns durch den lebendigen Bazar. Das muslimische Viertel birgt noch mehr Überraschungen, z.B. das Österreichische Hospiz, in dem es eine wunderbare Sachertorte gibt. Wir waren auch auf dem Tempelberg. Dort bestaunten wir den Felsendom mit seinen meditativen orientalischen Fliesenornamenten und warfen einen ganz kurzen Blick durch ein Seitenfenster der Al-Aqsa Moschee. Ein wahres Paradies aus Olivenbäumen, Palmen und Zedern tut sich auf dem Tempelberg auf. Angesichts dieser Schönheit stimmen die heftigen andauernden Konflikte, die gerade diesen Ort nicht zur Ruhe und zum Frieden kommen lassen, sehr nachdenklich. Ein Ausflug in die Judäische Wüste ließ uns etwas Atem holen vom Reiz überflutenden Jerusalem und wir sammelten neue faszinierende Eindrücke: die Herodesfestung Masada, Baden im Toten Meer und ein Blick auf die Schucht des Wadi Qelt. Die Aussicht gleicht einer Mondlandschaft. Es fällt nicht schwer, sich den barmherzigen Samariter vorzustellen, wie er hier umherwanderte. In der Ferne ist die Stadt Jericho zu sehen

An der Klagemauer

 

Bei unseren Erkundungstouren durch Jerusalem sahen und erlebten wir aber auch Menschen und es waren gerade diese Begegnungen, die gemeinsamen Gespräche, die uns berührt haben und tiefe Eindrücke in uns hinterlassen werden. Sie brachten uns ihr ganz persönliches Jerusalem nahe und regten uns zum Nachdenken an. Da war zunächst Naomi Ehrlich, unsere israelische Reiseleiterin, geboren und aufgewachsen in Jerusalem in einer jüdisch-deutschen Familie. Durch ihre charmant-impulsive, offene und menschlich zugewandte Art wurde sie schnell unsere Freundin und ein Teil der Gruppe. Sie beeindruckte uns mit ihrem umfassenden Wissen, ihrer tiefen Kenntnis dieser Stadt und überraschte hin und wieder durch ihre klaren Statements.

Die Gruppe mit Reiseleiterin Naomi Ehrlich in Masada

 

Auch das haben wir erfahren: Israel ist ein Land vielfältigster Statements, nicht nur, aber sicherlich v.a. religiösen und politischen Charakters. Wir werden uns sicher noch oft an den muslimischen Taxifahrer zurückerinnern, der zunächst in aller Ruhe seinen Gebetsteppich ausrollte, bevor er uns evangelische Christen in den Synagogengottesdienst auf dem French Hill fuhr. Hier lud uns die Rabbinerin Chaya Rowen Baker ein, gemeinsam mit ihrer jüdischen Gemeinde den Shabbat zu begrüßen. Sie schien mit ihrer sehr offenen Art und ihrem figurbetonten roten Samtkleid mit tiefem Ausschnitt in einem diametralen Gegensatz zu den orthodoxen Jüdinnen zu stehen, die uns auf der Straße und vor allem an der Klagemauer begegneten. In der Erlöserkirche erlebten wir einen deutschsprachigen evangelisch-lutherischen Gottesdienst, feierten das Abendmahl und sprachen mit der deutschen Pfarrerin Gabriele Zander. Wie steht es um den interreligiösen Dialog? Es sei sehr schwer, so Frau Zander, alle religiösen Vertreter an einen Tisch zu holen. Als Frau habe sie es zudem in der männlich dominierten christlichen Szene nicht immer leicht. Dennoch fasziniert sie uns mit ihrer Arbeit und das Angebot, in ihrer Gemeinde ein Praktikum zu machen, lässt einige von uns gedanklich nicht los.

 

Ben Kfir und Moira Jilani von der Organisation Parents Circle

 

Ebenfalls lassen uns die erschütternden Schicksale von Ben Kfir und Moira Jilani nicht los. Der Israeli und die Palästinenserin, die sich in der Organisation Parents Circle engagieren, haben beide nahe Angehörige durch den Nah-Ost-Konflikt verloren. Sie erzählten uns auf sehr intime Weise ihre persönlichen Geschichten und diskutierten mit uns über Versöhnung. „Tragt den Konflikt nicht nach Europa“, bat uns Ben. Es geht darum, gemeinsam zum Frieden zu kommen. Wie wahr! Hatte doch US-Präsident Trump kurz vor unserer Reise mit seinem vermeintlichen Nah-Ost-Friedensplan und nicht zuletzt mit der Ermordung des iranischen Generals Soleimani im Januar für Unruhe in der Region gesorgt. Dass das keinen Frieden bringen kann, ist schnell klar. Und auch das war Thema in unserer Gruppe. Diese Situation hinterließ schon vor der Reise ein leicht mulmiges Gefühl. Zudem standen in Israel die Parlamentswahlen kurz bevor.

 

Prof. Dr. Kathrin Hahn und Prof. Dr. Ulrike Suhr mit David Witzthum

 

In unserem Gespräch mit dem bekannten Fernsehmoderator, Redakteur und Politologen David Witzthum sollte es genau darum gehen, um die aktuelle politische und gesellschaftliche Lage. „Ganz Israel spricht nur vom Coronavirus“, waren dann seine ersten Worte. Das war zum damaligen Zeitpunkt unerwartet, denn Mitte Februar war die Situation noch einigermaßen überschaubar, von einer Pandemie noch keine Rede. Und es wird schnell klar, wie einseitig das Bild Israels in den deutschen Medien gezeichnet wird. Das Bild, das David Witzthum zeichnete, ist vielfältiger, komplexer. Wie werden Deutsche hier wahrgenommen? Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit würde eher verbinden, so Witzthum. Viele aus der jüngeren Generation würden die Deutschen aber nicht mehr mit der Shoah in Verbindung bringen. Dennoch wurden wir auf unserer Reise sehr oft mit unserem „Deutsch-Sein“ konfrontiert. In Yad Vashem, der internationalen Holocaust Gedenkstätte, ist diese Konfrontation sehr unmittelbar und wir waren alle auf jeweils sehr persönliche Weise berührt. Hier trafen wir Gabriella Byk. Die vor vielen Jahren aus Österreich eingewanderte, modebewusste orthodoxe Jüdin bringt in ihren Führungen durch die Gedenkstätte auch viel von ihrer eigenen Familiengeschichte ein und trägt dadurch dazu bei, sie in Erinnerung zu halten. „Es ist für mich ganz besonders wichtig, deutsche Jugendliche durch diese schwere Zeit zu führen. Der Besuch in Yad Vashem ist nur der Anfang!“, sagte sie.

An diese Bezüge zu Deutschland in Israel musste ich auch denken, als uns der alte jüdisch-orthodoxe Herr an der Bushaltestelle bei unserer Abreise sofort als Deutsche identifizierte und uns freundlich seine Deutschkenntnisse präsentierte: „Bitte schön! Danke schön! Auf Wiedersehen!“ waren seine Worte. Ein letzter Blick auf Tel Aviv und auf das Mittelmeer, ein letzter Gang durch die Altstadtgassen von Jaffa, ein letzter frisch gepresster Granatapfelsaft. Dann heißt es Abschiednehmen. Peace und Shalom Israel!

Danke an Ulrike Suhr für die tolle Organisation und das Engagement!

Prof. Dr. Kathrin Hahn