Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie

Evaluationsstudie "Jugendliche in Individualpädagogischen Maßnahmen"

  • Projektzeitraum:1.1.2004 - 31.8.2005
  • Auftraggeber: Bundesarbeitsgemeinschaft Individualpädagogik e.V. (AIM)
  • Ansprechpartner: Prof. Willy Klawe

Projektbeschreibung

Intensive Betreuungssettings haben in der Entwicklung der Jugendhilfe immer eine wichtige Funktion eingenommen. Unter der Fragestellung "Wohin mit den Schwierigen?" geht es dabei immer um besondere Hilfearrangements für Jugendliche, die mit den üblichen Settings der Hilfen zur Erziehung nicht oder nicht mehr zu erreichen sind. Mit Einführung des Kinder- und Jugendhilfe-Gesetzes (jetzt SGB VIII) wurde der Notwendigkeit solcher Angebote in § 35 als "Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung" Rechnung getragen.

In der Folge wurden zunächst unter dem Label "Erlebnispädagogik" Reise-, Segel- und Standprojekte entwickelt, die über die herkömmlichen Formen stationärer und teilstationärer Heimerziehung oder ambulanter Betreuung hinausgingen und in der Arbeit mit den Jugendlichen auf eine intensive Beziehung zwischen BetreuerIn und Jugendlichem, Grenzerfahrungen und Selbstwirksamkeit setzten.

Mitte der 90er Jahre gerieten diese Projekte - ausgelöst durch einzelne Vorfälle besonders bei Maßnahmen im Ausland - erstmals in die öffentliche Diskussion. Um Stellenwert, strukturelle Merkmale und förderliche Bedingungen für ein Gelingen konkreter zu beschreiben, wurde seinerzeit vom BMFSFJ eine Studie "Erlebnispädagogik in den Hilfen zur Erziehung" in Auftrag gegeben, die - vom Institut des Rauhen Hauses für Soziale Praxis (isp) im Zeitraum von 1995 - 1998 durchgeführt - erstmalig bundesweit durch Befragung der örtlichen Jugendämter und die Rekonstruktion exemplarischer Projektverläufe dieses Segment der Jugendhilfe näher beschrieb (Willy Klawe/Wolfgang Bräuer: Zwischen Alltag und Alaska - Erlebnispädagogik in den Hilfen zur Erziehung, Weinheim und München 1998).
Durch diese Studie konnte einerseits die öffentliche wie auch die fachpolitische Diskussion versachlicht werden, zugleich wurden damit auch wichtige Impulse zur fachlichen Weiterentwicklung und Qualitätssicherung gegeben, die von Jugendhilfeträgern, Fachverbänden und Jugendämtern umgesetzt wurden.

In der Folge entwickelten sich diese intensiven Hilfesettings weiter. Gegenüber vorrangig erlebnispädagogischer Arbeit und Naturerfahrung gewannen eine professionelle und zugleich authentische Gestaltung der Betreuungsbeziehung, die Schaffung vieler Möglichkeiten, die eigene Selbstwirksamkeit zu erproben, sowie eine Orientierung an klaren Strukturen des Alltags und Tagesablaufs zunehmend an Bedeutung. Als Individualpädagogische Maßnahmen wurden diese Settings zu einer mittlerweile etablierten und von den örtlichen Jugendämtern häufig genutzten Hilfeform.

In den letzten Jahren sind solche Settings erneut in die Diskussion geraten. Weniger die - tragischen - konkreten Anlässe als vielmehr eine veränderte Jugendhilfelandschaft, die "schwierige" Jugendliche nicht mehr als Individuum mit besonderem Hilfebedarf, sondern zunehmend als Sicherheitsrisiko betrachtet, dem vor allem ordnungspolitisch zu begegnen ist, führten zu dem Versuch einiger Bundesländer, durch eine Gesetzesinitiative dieses Segment deutlich zu reduzieren. Durch die entschiedene und engagierte Initiative des BMFSFJ und die Verabschiedung des "Gesetzes zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe (KICK)" 2005 konnte dieser massive Eingriff in die Jugendhilfelandschaft ab- und positiv gewendet werden.

Vor dem in der Einleitung skizzierten Hintergrund erteilte der AIM dem Institut des Rauhen Hauses für Soziale Praxis (isp) den Untersuchungsauftrag, eine Studie zum Verlauf aller im Zeitraum vom 1.1.2004 - 31.8.2005 von allen Trägern des AIM abgeschlossenen Individualpädagogischen Maßnahmen und dem Verbleib der in diesen Maßnahmen betreuten Jugendlichen durchzuführen. Es handelt sich also um eine Vollerhebung der für den genannten Zeitraum relevanten Maßnahmen.
Unsere explorative Studie zielt darauf ab, in einzelnen Modulen sowohl quantitative wie auch qualitative Daten zu erheben, diese systematisch aufeinander zu beziehen und aus dieser Zusammenschau ein Bild über den spezifischen Charakter und die Leistungen Individualpädagogischer Maßnahmen als einem etablierten Segment der Erziehungshilfen zu formen.

Dabei sollen insbesondere

  • die in Individualpädagogischen Maßnahmen betreuten Jugendlichen differenziert beschrieben werden, um die Adressatengruppe dieses Maßnahmetypus zu charakterisieren;
  • die strukturellen Merkmale und inhaltlichen Parameter dieser Maßnahmen herausgearbeitet und kommentiert werden, um das spezifische Profil von Individualpädagogik im Spektrum der Hilfen zur Erziehung zu konturieren;
  • eine retrospektive Beurteilung der Erfahrungen und Effekte der Maßnahmen durch die betreuten Jugendlichen Grundlagen für eine Bewertung Individualpädagogischer Maßnahmen liefern; und
  • ein Blick auf die gegenwärtige Lebenssituation der betreuten Jugendlichen Aufschluss darüber geben, wie diese heute die Anforderungen ihres Alltags bewältigen.

Absicht der hier vorgelegten Studie ist es, einerseits mit quantitativen Daten die Zielgruppe, die Arbeitsweise und mögliche Effekte Individualpädagogischer Maßnahmen zu skizzieren, andererseits aber auch die von den verschiedenen Akteuren geteilten Annahmen über sinnvolle Rahmenbedingungen, pädagogische Interventionen und vermutete Effekte abzubilden, um damit den professionellen Akteuren Feedback und Hinweise hinsichtlich der Gestaltung solcher Maßnahmen zu geben und zugleich Außenstehenden und der Öffentlichkeit deren Bedeutung transparent zu machen.