Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie

Ambulante Intensive Begleitung (AIB)

Das isp erprobte zwischen 1999 und 2002 modellhaft in Magdeburg, Leipzig, Nürnberg, Dortmund und dem Landkreis Harburg den Transfer einer in den Niederlanden erfolgreichen Interventionsmethode in die deutsche Jugendhilfestruktur. Die Adaption erfolgte nach Absprache mit den Niederländischen Partnern unter dem Namen Ambulante Intensive Begleitung junger Menschen (AIB).

Problem und Zielstellung
Die Diskussion über effektive und praktisch handhabbare Konzepte für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, deren Verhalten als extrem auffällig, bedrohlich und gefährdend wahrgenommen wird, hat sich in den letzten Jahren zugespitzt.
In der Öffentlichkeit wird vielfach die Verschärfung und Intensivierung von staatlichen Sanktionen vorgeschlagen (u.a. Verschärfung des Jugendstrafrechts, Forderungen nach geschlossener Unterbringung). Fachleute weisen dagegen immer wieder darauf hin, dass Sanktionen wenig mehr als Anpassung an die Sanktionssysteme bewirken.
Langfristig wirksame Verhaltensänderungen setzen hingegen die freiwillige Teilnahme an pädagogischen Maßnahmen und eine hohe Eigenaktivität der beteiligten Kindern und Jugendlichen unabdingbar voraus. Dennoch muss die Sozialarbeit innovativ auf die gegenwärtigen fachlichen und politischen Herausforderungen reagieren, denn das vorhandene Hilfesystem für Jugendliche mit auffälligem Verhalten stammt in seinen Grundzügen aus den siebziger Jahren und weist einige Defizite auf.
Eine rein quantitative Ausweitung der vorhandenen sozialarbeiterischen Interventionsangebote für Kinder und Jugendliche ist daher wenig sinnvoll und angesichts der angespannten Situation der öffentliche Hauhalte auch wenig realistisch.
Es sind also neue Antworten zu finden.

Kinder und Jugendliche mit auffälligem Verhalten gibt es nicht nur in deutschen Städten.
Auf der Suche nach innovativen, neuen Konzepten für die Jugendhilfe hat das isp auf Anregung des Deutschen Jugendinstituts eine in den Niederlanden seit Anfang der neunziger Jahre erfolgreich eingesetzte Methode der dortigen Partner vor Ort geprüft.
Die niederländischen Teams sind in der Lage, mit vergleichsweise geringem finanziellem Aufwand langwierige Karrieren von Jugendlichen mit auffälligem Verhalten im Hilfe- und Sanktionssystem zu vermeiden bzw. frühzeitig zu unterbrechen.
Das Pilotprojekt AIB (Ambulante Intensive Begleitung) hatte die Zielsetzung, Möglichkeiten, Bedingungen, aber auch Grenzen für den Transfer der Methode in das deutsche Jugendhilfesystem in einem dreijährigen Praxisversuch zu klären.

Grundannahmen des niederländischen Konzepts

·         Die Ambulante Intensive Begleitung richtet sich an Kinder, Jugendliche und Jungerwachsene. Zielgruppen der AIB-Teams sind delinquente, obdachlose Jugendliche und junge Menschen in Krisen.

·         Kinder und Jugendliche mit auffälligem Verhalten haben ihr ursprüngliches soziales Umfeld zum Teil oder vollständig verlassen. Das Fehlen dieses Umfeldes kann auslösend für auffälliges Verhalten sein.

·         Ziel der Arbeit ist es, durch eine intensive, zeitlich begrenzte Begleitung auffälliger Jugendlicher ein stabiles soziales Umfeld (wieder)herzustellen und so Karrieren in der Jugendhilfe oder im Sanktionssystem zu vermeiden oder abzubrechen.

·         Intensive Begleitung bedeutet einerseits, dass jeder Klient drei Monate lang von einem Mitglied des AIB-Teams täglich kontaktiert wird. Der Klient andererseits kann seine Begleitung 24 Stunden pro Tag erreichen.

·         Die Ambulante Intensive Begleitung stützt sich auf ein sozialräumliches Netzwerk.


Das Pilotprojekt in Stichworten

·         AIB-Teams in Magdeburg, Leipzig, Nürnberg, Dortmund, Landkreis Harburg

·         Training, Beratung und Qualifizierung der AIB-Teams und Koordination des Projektes durch das isp

·         Wissenschaftliche Begleitung durch das Deutsche Jugendinstitut, München

·         Laufzeit des Pilotprojekts: 01.11.1998 bis 31.05.2002

·         Laufzeit der AIB-Teams: 01.04.1999 bis 30.11.2001


Die Vorlaufphase
In der sechsmonatigen Vorlaufphase wurden u.a. die folgenden Aufgaben und Ziele umgesetzt:

·         MitarbeiterInnen des isp wurden zur Vorbereitung der Praxisphase durch Seminare und Exkursionen mit den niederländischen Partnern in Hamburg, Amsterdam und Rotterdam für die Beratung und Begleitung der AIB-Teams qualifiziert

·         Das schriftliche Material aus den Niederlanden wurde für den internen Gebrauch übersetzt und als Handbuch für die Arbeit in Deutschland neu bearbeitet

·         Vorbereitung und Organisation der kontinuierlichen Rückkoppelung der Arbeit des isp mit den niederländischen Partnern während des gesamten Projektzeitraums

·         Entwicklung von Trägerkonstellationen in den beteiligten Kommunen, die in der zweijährigen Projektphase eine personell und finanziell abgesicherte, unabhängige Arbeit der Teams ermöglichen

·         Integration des Pilotprojekts in die örtlichen Jugendhilfestrukturen, um die Akzeptanz der AIB-Teams zu gewährleisten


Die Projektphase

In jedem Standort wurde ein AIB-Team modellhaft implementiert. Während der Projektphase bereitete das isp alle AIB-Teams auf ihre Aufgaben vor und suchte die Teams im wöchentlichen Abstand auf. Dabei wurden u.a. folgende Leistungen durch das isp erbracht:

·         Unterstützung des Implementationsprozesses der Teams, vor allem bei der Entwicklung des institutionellen Netzwerks

·         weitere Verankerung der Teams in die bestehenden Jugendhilfestrukturen

·         wöchentliche Beratung der Teams durch isp-MitarbeiterInnen (Supervision, Intervision)

·         kontinuierliche Beratung der Teams in der Arbeit mit den institutionellen Netzwerken

·         standortübergreifende Begleitung der Implementation der AIB-Methode durch Vermittlung von Kontakten bzw. Partnerschaften mit niederländischen Teams und Koordinationstreffen der MitarbeiterInnen aller örtlichen Teams

·         konzeptionelle Anpassung der Methode an die Bedingungen der deutschen Jugendhilfe (u.a. Prävention, Jugendhilfeplanung)

·         Dokumentation der Teamentwicklungsprozesse und der Entwicklung der Netzwerke

·         Einbettung der Methode in ein theoretisch fundiertes Gesamtkonzept

·         Weiterentwicklung der Arbeitsmittel und der Dokumentationsmethoden der Teams

·         Organisation von Fachtagungen und Veröffentlichungen zur Initiierung einer bundesweiten Diskussion der Methode


Die Auswertungsphase
Die sechsmonatige Auswertungsphase wurde dazu genutzt, eine punktuelle Nachsorge für die örtlichen Teams sicherzustellen. Sie wurden zudem in dieser Phase in ihrem Integrationsprozeß in die regionale Jugendhilfestruktur begleitet und beraten. Schließlich wurden die während der Projektphase gesammelten Daten ausgewertet und auf einer Tagung vorgestellt.

Evaluation und Beirat
Das Pilotprojekt wurde durch das Deutsche Jugendinstitut München (DJI) evaluiert. Die Fragestellungen der wissenschaftlichen Begleitung wurden in Absprache mit dem Deutschen Jugendinstitut entwickelt. Die wissenschaftliche Begleitung begann im Sommer 2000. Es wurde eine Follow-up Studie erarbeitet, in der Jugendliche nach Beendigung von AIB zu ihrer aktuellen Lebenssituation befragt wurden. Weiterhin wurde ein Beirat eingerichtet, in dem neben dem BMFSFJ und VertreterInnen der beteiligten Kommunen auch VertreterInnen der kommunalen Spitzenverbände und ExpertInnen vertreten waren, die das Pilotprojekt fachlich berieten.