Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie

22.09.2016

Bericht zur ZeDiS-Fachtagung

(Version zum Download)

Der Inklusionsdiskurs wird gegenwärtig vor allem auf den Schulbereich, und  hier zumeist begrenzt auf den Elementar- und Primarbereich, geführt. Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) hingegen fordert von den unterzeichnenden Mitgliedsstaaten in Art. 24 allerdings nicht nur die Schaffung eines „inklusiven Bildungssystems auf allen Ebenen“ ein, sondern spricht in Art. 27 außerdem von der Notwendigkeit, die Bedingungen für einen „inklusiven Arbeitsmarkt“ herzustellen. Was ist in diesem Zusammenhang unter Inklusion zu verstehen und wie ist es um die Umsetzung des Art. 27 bestellt? Wie muss Arbeit, zumal Erwerbsarbeit, vor dem Hintergrund einer globalisierten Welt, die unverändert von Kapitalismus, Leistung, Konkurrenz und Exklusion geprägt ist, zukünftig verstanden, gestaltet, organisiert werden? Welche Bedeutung kommt Inklusion als allgemein menschenrechtliche Kategorie dabei zu? Was benötigen wir, um das zivilgesellschaftliche Potential des Inklusionsbegriffes auch in der Arbeitswelt zur Entfaltung zu bringen?

Um Antworten auf solche und weitere Fragen eine Orientierung zu geben, veranstaltete das an der Ev. Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie. Stiftung Das Rauhe Haus (EH) angesiedelte Zentrum für Disability Studies (ZeDiS) zusammen mit umdenken, dem politischen Bildungswerk der Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg e.V. am 16. September 2016 eine Fachtagung mit dem Titel „Inklusiver Arbeitsmarkt – zwischen menschenrechtlichem Anspruch und vielfältigen Barrieren“. Die Fachtagung, die u.a. vom Europäischen Sozialfonds finanziell gefördert wurde, fand im Wichern-Saal der Stiftung Das Rauhe Haus statt.

An der Tagung haben über 130 Personen aus ganz Deutschland teilgenommen. Menschen aus unterschiedlichen Bereichen der Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft, Interessenverbänden etc.. Mehrere unter ihnen waren auch selber von Behinderung betroffen, nicht wenige Menschen mit Lernschwierigkeiten. Die Tagung war entsprechend barrierefrei gestaltet.

Nach einführenden Gruß- und Dankesworten des Rektors der EH, ANDREAS THEURICH, sowie des Tagungs-Moderatoren und Bildungsreferenten von umdenken, JÖRN DOBERT, und der wissenschaftlichen Leitung des ZeDiS, DR. ESTHER BOLLAG, hielt der Sozialwissenschaftler und Leiter des Forschungsbereichs Klima, Kultur & Nachhaltigkeit (Synchrone Transformationsforschung), DR. BERND SOMMER (Norbert-Elias-Center, NEC, Universität Flensburg), seinen programmatischen Einführungsbeitrag Was ist Transformationsdesign? Zu den Möglichkeiten und Grenzen der Gestaltung sozialen Wandels unter normativen Leitbildern“. Vor dem Hintergrund der aktuellen Transformationsdebatte in der sozial-ökologischen und Nachhaltigkeitsforschung wurden Befunde aus der sozial-ökologischen Transformationsforschung in Hinblick auf deren Übertragbarkeit auf die gesellschaftlichen Bemühungen, mehr Inklusion am Arbeitsmarkt zu ermöglichen, vorgestellt und diskutiert. Dabei wurde auch auf die eigentümliche Widersprüchlichkeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit gegenwärtiger sozialer Entwicklungen – sowohl im Bereich der Nachhaltigkeit als auch der Inklusion – ebenso eingegangen, wie auf die Bedeutung konkreter Utopien bzw. von „Geschichten des Gelingens“ für eine transformation by design. Als Kern für Veränderung jedweden sozialen Wandels wurden hierbei insbesondere gesellschaftliche Machtverhältnisse identifiziert und problematisiert.

In ihrem Vortrag „Arbeitsmarktpolitische Instrumente in Deutschland: Exklusiv inklusiv?“ analysierten JÜRGEN HOMANN und LARS BRUHN (wissenschaftliche Mitarbeiter des ZeDiS, EH) anhand von exemplarischen Beispielen die bestehenden arbeitsmarktpolitischen Instrumente zur Förderung behinderter Menschen am Arbeitsmarkt. Sie machten hieran deutlich, dass die berufliche Eingliederungshilfe grundsätzlich von einer defizitären Sichtweise durchzogen ist, die Behinderung einzig als Problem behinderter Menschen erscheinen lässt. Instrumente und Maßnahmen seien folglich stark individualisiert. Sie stellten kompensatorische, behindertengerechte ‚Sonderlösungen’ dar und würden keine nachhaltigen, gesamtgesellschaftlich bedeutsamen Veränderungen bewirken. Um das Ziel einer Entpersonalisierung von Behinderung gemäß der UN-BRK zu erreichen, müsse der Inklusionsbegriff daher in seiner Bedeutung als allgemeine menschenrechtliche Kategorie wahrgenommen werden. Entsprechend sei er rechtlich zu verankern und in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen umzusetzen.

CORINNA RÜFFER, MdB, behindertenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis90/Die Grünen, betonte in ihrem Vortrag „Inklusiver Arbeitsmarkt – was kann die Politik dazu beitragen?“ die Verantwortung der Politik, für die Umsetzung der UN-BRK Sorge zu tragen. Novellierungen bestehender Rechte als auch die Verabschiedung neuer Gesetze müssten die UN-BRK zum Maßstab nehmen. Dies gelte insbesondere für das geplante Bundesteilhabegesetz (BTHG), das die Anforderungen der UN-BRK nicht erfüllt. Insbesondere müssten auch die Rechte von Beschäftigten in den sogenannten Werkstätten für Menschen mit Behinderung gestärkt werden. 

PROF. DR. KATHRIN RÖMISCH, Professorin für Heilpädagogik, Ev. Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, Beiratsmitglied im Bochumer Zentrum für Disability Studies (BODYS), widmete sich in ihrem Vortrag dem Thema Arbeit für Alle!? Aktionspläne zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention für Arbeitgeber_innen aus der Perspektive der Disability Studies“. Aktionspläne würden in der UN-BRK zwar nicht ausdrücklich benannt. Sie seien aber ein adäquates Handlungsinstrument für die Entwicklung von konkreten und damit auch überprüfbaren Zielen und Maßnahmen, die zur Umsetzung der UN-BRK beitragen können sollen. Sie erläuterte, welche Anforderungen Aktionspläne erfüllen müssen und hob hierbei die Bedeutung der Transparenz, Nichtdiskriminierung und Partizipation der Betroffenen hervor. Zudem sollten jenseits von einzelnen Prioritätensetzungen alle in der UN-BRK geforderten Rechte Berücksichtigung finden.

Den letzten Vortrag hielt CHRISTIAN JUDITH von der Hamburger Firma K Produktion. Der Titel lautete: „Werkstätten und Inklusion: Welche Zukunft können die Werkstätten haben? Was bringt mir die Arbeit dort?“. Hier fand eine kritische Betrachtung der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) sowie der Situation der darin Beschäftigten statt. Die UN-BRK gebe die Richtung unmissverständlich vor: WfbM gehören, wie andere Sonderwelten auch, abgeschafft. Andererseits würden sich zahlreiche in den WfbM beschäftigte Personen für den Erhalt der WfbM aussprechen. WfbM seien zudem auch gesellschaftlich und politisch gewollt. Fragwürdig sei allerdings, ob die WfbM sich zukünftig als reformierbar erweisen werden: Nicht nur aus der Außenperspektive, auch im Innenverhältnis seien WfbM starre, hierarchische, exklusive Gebilde. Hier gelte es, insbesondere den Status, die Bezahlung und die Entscheidungs- und Mitbestimmungsrechte von beschäftigten Personen aufzuwerten resp. zu stärken. Ihrem gesetzlichen Auftrag, die Eingliederung in den 1. Arbeitsmarkt, kämen WfbM unverändert kaum nach, berufliche Qualifizierungs- und (Weiter-)Bildungsmaßnahmen seien rar. Aber auch Arbeitsmöglichkeiten würden zunehmend schwinden, immer mehr klassische Arbeitsbereiche wegfallen. Hier fehle es den WfbM an Ideen, neue, attraktive, Selbstbestimmung fördernde Arbeitsangebote zu schaffen.

Am Ende der Tagung gab es eine Podiumsdiskussion zur Frage: „Wann kommt der inklusive Arbeitsmarkt?“ Gäste waren HORST FREHE, Jurist aus Bremen, FLORIAN MICHAELSEN von der Firma SAP SE und BERTOLD SCHARF von der Universität Kiel, der auch Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Disability Studies in Deutschland ist. Sie diskutierten darüber, was Politik, Wirtschaft und Wissenschaft beitragen können, um auf Inklusion in der Arbeitswelt hinzuwirken.

Stellvertretend für das Kollegium des ZeDiS hob LARS BRUHN in seinem Schlusswort noch einmal hervor, warum es wichtig sei, das Denken über Behinderung radikal zu verändern und Inklusion auch mit anderen gesellschaftlich relevanten Fragestellungen unserer Zeit zu verknüpfen. Wozu würden Menschenrechte benötigt, wenn wir unsere Lebensgrundlage zerstören? Und umgekehrt: Wem nütze eine intakte Umwelt, in der Menschenrechte keine Geltung haben? Letztlich gehe es hierbei um die zentrale Frage, wie wir in Zukunft besser (über-)leben können. Gerade in Bezug auf Inklusion und ihre Umsetzung sei daher der Blick über den Tellerrand notwendig, um zu neuen oder anderen Denkweisen zu gelangen. So werde es möglich, den behindertenspezifischen Diskurs zu überwinden, so dass tatsächlich alle in allen Bereichen von und zu Inklusion aufgefordert sind.

Eine Publikation der Tagungsbeiträge befindet sich in Planung.